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>> Wie viel ist genug? ____________________

30/08/2012

Tu Gutes, aber tu es wie ein Manager…

Charly Kleissner sitzt auf einer Yoga-Matte in einem lichten Raum irgendwo im Silicon Valley und hat unglaublich viel Zeit – Stunden, Tage, Wochen. Zeit, zur Besinnung zu kommen, Harmonie zu suchen mit dem Universum und sich zu fragen, was wirklich wichtig ist im Leben. Zuletzt leitete er ein Team von 700 Ingenieuren, die unter anderem Programme für Apple-Gründer Steve Jobs schrieben. 2002 kündigte er und verkaufte seine Firmenanteile. Plötzlich hatte Charly Kleissner Zeit, viel Zeit – und Geld, sehr viel Geld: über 100 Millionen Dollar. Beim Meditieren kam die Erkenntnis: „Das Geld, das da auf unserem Konto liegt, gehört uns gar nicht. Aber, es muss einen Grund geben, warum es gerade bei uns gelandet ist. Wir sollen etwas damit anfangen“.

Wie viel ist genug?

Karl Kleissner wuchs in Innsbruck auf, studierte an der TU Wien und erhielt dann ein Stipendium für eine Uni in Hawaii. Er kehrte erst nach Österreich zurück und ging dann mit seiner amerikanischen Frau Lisa nach Kalifornien. „Die akademische Karriere reizte mich nicht sehr, und ich wusste, Silicon Valley, that‘s where the action is“, sagt Kleissner. Er arbeitete dort als Entwickler bzw. CTO für NeXT Software, Digital Equipment, Hewlett Packard und Ariba. In den 1980er und 1990er Jahren war der gebürtige Tiroler einer der wichtigsten Software-Entwickler in Silicon Valley, also eigentlich einer der wichtigsten auf der ganzen Welt. Auch weil er unter anderem mit Apple-Genie Steve Jobs das Betriebssystem OS X geschaffen hat, auf dessen Basis auch heute noch jeder iPad, jedes iPhone und jeder Mac laufen. Im Jahr 2002, am Ende seines ersten Lebens, war er Chief Technical Officer CTO bei Ariba, einer Firma, die bei Kleissners Ausstieg einen Börsenwert von drei Milliarden Dollar hatte.

„Ich war damals 45, wollte immer CTO einer A-Level Company sein, und das hatte ich erreicht“, erzählt Kleissner. Also hat er konsequenterweise seinen Job geschmissen, seine Firmenanteile zu Geld gemacht und sich gefragt: „What now?“ Wenig überraschend, dass Kleissner gleich einmal von Job-Angeboten der weltbesten Software-Schmieden überhäuft wurde – aber das wollte er nicht mehr. „Ich habe alles abgelehnt und mich eine Zeit lang nach Indien zurückgezogen, um über die Rolle des Kapitals nachzudenken. Und wie man damit einen positiven Impact sowohl für die Aktionäre als auch für sich selbst bewirkt.“ Kleissner wollte sein Leben nicht mehr zweiteilen, indem er unter der Woche in einem regulären Job arbeitet und sich dann am Wochenende um das kümmert, was ihn wirklich interessiert. „Seitdem beschäftige ich mich mit Impact Investing, Sozialunternehmertum und Philanthropie.“

Charly und seine amerikanische Frau Lisa – eine Architektin, die er einst beim Studium in Hawaii kennengelernt hatte – waren zu diesem Zeitpunkt längst Multimillionäre. Sie befanden, dass sie genug Geld für sich und ihre beiden Kinder hätten, und zogen einen Consultant bei – um die Idee einer gemeinnützigen Foundation, die in Social Business investiert, aber auch Gewinne macht, zu realisieren. Besagter Consultant versicherte den Kleissners aber, dass es unmöglich sei, Gutes zu tun und dabei gleichzeitig auch Geld zu machen. „Meine Frau und ich haben den Mann gefeuert und jemanden engagiert, der sehr wohl daran glaubte, dass beides möglich ist“, sagt Kleissner. Also starteten die beiden in ihr zweites Leben: Von den 100 Millionen Dollar, die die Kleissners aus Patenten und aus Aktienverkäufen lukriert hatten, steckten sie 70 Millionen in die familieneigene KL Felicitas Foundation und später in zwei weitere Organisationen für Social Impact Investments. „Die restlichen 30 Millionen waren für uns genug, um wirtschaftlich ein sorgenfreies Leben zu führen.“ Heute sind Charly und Lisa Kleissner hauptberuflich Philanthropen. Social Impact Investoren, um genau zu sein. Und dabei auch Philosophen.

Lisa Kleissner ist der ruhende Pol, sie spricht langsam und bedächtig und bereitet ganz nebenher das Abendessen vor. Als Architektin hat sie ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, das für Firmen im Silicon Valley Umbauten organisiert. Die Wohnung in Innsbruck trägt Lisas Handschrift: Moderne Materialien, klare Linien. Zentrum ist ein großer Esstisch aus Holz. Von hier aus schaut man in die offene Küche und auf ein beeindruckendes Alpenpanorama. Einige Wochen im Jahr verbringen die Kleissners in Charlys alter Heimat. Ein paar Häuser weiter wohnen seine Eltern. Die restliche Zeit pendelt das Ehepaar zwischen Big Sur in der Nähe vom Silicon Valley und Lisas Heimat Hawaii.

Holistic sustainability Was hat also den Software-Multimillionär dazu getrieben, sein zweites Leben mit der wohl selben Energie und Akribie wie das vorhergehende in Silicon Valley einer ganz anderen Sache zu widmen?

„Ich bin eine holistische Persönlichkeit. Die Arbeit, die ich mache, soll mit meinen persönlichen Werten übereinstimmen. Lisa und ich glauben, dass eine Holistic Sustainability, also eine ganzheitliche Nachhaltigkeit, die Herausforderung der Menschheit im 21. Jahrhundert von der wirtschaftlichen bis zur sozialen Perspektive, neu definiert“, sagte Kleissner im Mai im Zigarrenklub der PR-Agentur Ketchum Publico von seinen profanen wie auch altruistischen Motiven. „Das Vermögen, das wir schaffen konnten, gehört nicht wirklich uns. Irgendwie hat uns das Universum ermöglicht, unseren Wohlstand zu erreichen. Also haben wir eine große Verantwortung gefühlt, mit diesem Geld etwas Sinnvolles mit positiver Wirkung zu machen“, blickt Kleissner auf die Anfänge seiner Social-Investor Zeit zurück und in die Zukunft: „Man muss sich ausmalen, wo die Welt im Jahr 2050 steht, da wird es 9 Milliarden Menschen und sehr wenige Ressourcen geben. Unsere Mittel und unsere Intelligenz in Hinblick auf eine nachhaltige Zukunft einzusetzen, ist also eine Notwendigkeit.“

Hybride Business-Strukturen Viele Superreiche der Welt stiften, verschenken oder investieren viele Milliarden ihres Vermögens in Sozial- und Umweltprojekte, sehen aber weiterhin ihre vordergründige Mission im Vermehren des eigenen Vermögens. Im Gegensatz dazu fungiert Kleissner höchstpersönlich nicht nur als Investor, sondern auch als Forscher, Inkubator und Missionar in Sachen Social Impact Investment. Als solcher will er etwa, wie er sagt, „langfristig die Grenze zwischen dem For-Profit- und dem Non-Profit-Sektor abschaffen. Wir schaffen Social Enterprises als hybride Business-Strukturen, die zu einem sozialen Wandel effektiv beitragen.“ Kleissners Ideenwelt ist auch makroökonomisch systemkritisch, wenn er etwa folgende Frage aufwirft: „Warum erhalte ich mehr Return, wenn ich Bäume fälle und sie nicht ersetze? Wenn Staaten Bäume fällen, steigt ihr Bruttonationalprodukt. Wer also die Wirtschaftsleistung hochtreiben will, fällt Bäume, ohne sie zu ersetzen und profitiert davon. Wenn dieses ökonomische System nicht geändert wird, hat man auch keinen Anreiz, nachhaltig zu investieren. Die Berechnung des Bruttonationalprodukts muss anders werden.“

Wenn man an Holistic Sustainability glaube, mache es auch keinen Sinn, in Öl und nicht-erneuerbare Energien zu investieren. „Aber egal, was man glaubt, man soll ein authentisches und integres Leben führen. Also begannen wir, die holistische Theorie und die Impact Investing Theorie zu entwickeln.“ Diese umfassen alle Asset-Klassen eines bestimmtem Portfolios, mit einer Leidenschaft für Private Equity, inklusive Rohstoffe und vielem mehr.

Impact first/Financial first Social Entrepreneurs und Impact Investments sind üblicherweise durch zwei Kriterien definiert, so Kleissner. Zum einen soll ein positiver messbarer Effekt auf Umwelt oder auf Gesellschaft generiert werden. Zum anderen muss es möglich sein, einen Financial Return zu erzielen, also das eingesetzte Geld zurück zu bekommen oder auch Gewinne zu lukrieren. Impact Investment befinde sich irgendwo im Spektrum zwischen bloßen Spenden und reiner Profit-Maximierung, und für Kleissner gibt es wiederum zwei Untergruppen von Impact Investitionen: Impact First oder Financial First, je nachdem, welcher Effekt als erster gewünscht sei.

Die KL Felicitas Foundation von Kleissner und seiner Ehefrau Lisa investierte etwa in ein englisches Early-Stage-Unternehmen namens Zouk Ventures, ein Fonds, der weltweit in Erneuerbare Energien investiert. Aktuell holte sich Zouk 50 Millionen Dollar vom Markt, Kleissner war einer der ersten Investoren. Eine ganze Reihe der 35 weiteren Firmen, in die die KL Felicitas eingestiegen ist, gehe diesen Weg, so Kleissner. Als anderes, aber wesentlich riskanteres Beispiel, nennt er das Sozialunternehmen Health Point Services, das in Indien, aber auch auf den Philippinen und in Mexiko agiert. Dabei werden sauberes Trinkwasser, Diagnosedienstleistungen, Medikamente und ärztliche Hilfe für die Landbevölkerung zur Verfügung gestellt. „Das war ein soziales Start-up, das nur einen kleinen Teil unseres Portfolios umfasst“, sagt Kleissner.

Auch eine völlig neue Asset-Klasse befindet sich im Portfolio der KL Felicitas: ein Social-Impact-Bond. Bei „Social Finance“ aus England können Anleger aus der erfolgreichen Resozialisierung von Straftätern Gewinn machen. Das Geld aus der Anleihe wird in Firmen investiert, die Entlassene beschäftigen und betreuen. Wenn die Rückfallsquote um 20 Prozent niedriger wird und somit Gefängnissen wie auch Steuerzahlern eine Menge Geld erspart wird, bekommen die Investoren 13 Prozent Gewinn. Kleissner: „Ich halte diese Modell für revolutionär.“ Es sei also egal, für welchen Zweck man sich engagieren wolle, wenn man seinen Horizont erweitert, gebe es immer ein passendes Investment. „Ich kann auch in Frieden und Menschenrechte investieren“, erläutert Kleissner. „Natürlich gibt es keine Firma Peace.com – aber wenn man überzeugt ist, dass Bildung von Frauen in Entwicklungsländern entscheidend zum Frieden beiträgt, dann findet man Investments, die genau das fördern.“

Marktkräfte für Entwicklung Auch laut dem im Dezember 2010 von J.P. Morgan und der Rockefeller Foundation veröffentlichten Impact Investments Report gibt es genug lukrative Social Investment-Chancen: In den Entwicklungsländern werden für Bevölkerungsgruppen mit einem Einkommen von weniger als 3.000 Dollar jährlich in den kommenden zehn Jahren allein in den Sektoren Social Housing, Wasser, Bildung, Gesundheit und Sanitär Investitionen von zwischen 400 Milliarden und einer Billion Dollar erwartet. Die Profite daraus sollen laut J.P. Morgan zwischen 183 und 667 Milliarden Dollar betragen.

Kleissner hält die Zahlen aus dem J.P. Morgan-Report aber für nicht zutreffend, weil er den Begriff Impact Investing zu sehr einenge. „Wir müssen uns von der Entweder-Oder-Mentalität verabschieden, wonach es nur entweder einen sozialen oder einen finanziellen Impact geben kann. Das ist einfach falsch“, bekräftigt Kleissner. Und weil Regierungen und traditionelle Philanthropen nicht genug Geld aufbringen können, um die wichtigsten Probleme der Welt zu lösen, müssen also kommerzielles Kapital und die Kräfte des Marktes ein Teil der Lösung sein.“

http://www.corporaid.at

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  1. Anja permalink
    31/10/2012 09:30

    Total interessant!
    Finde es immer wieder spannend, wenn Menschen am Ende ihrer Karriereziele angelangt sind und nicht mehr weiterwissen.
    Muss ein erschlagendes Gefühl sein…
    Finde ich ’ne super Idee, was die beiden mit dem Geld – naja zumindest mit dem Großteil – gemacht haben! Da muss man erst mal mutig genug sein, so eine Idee auch durchzusetzen. Aber es hilft ja meistens, wenn jemand sagt, das geht nicht ;))
    Trotzdem finde ich es schwer die Frage zu beantworten „Was ist eigentlich genug?“
    Habe dazu ein kostenloses Webinar gefunden, vielleicht interessiert das noch andere ;)
    http://www.cfo-insight.com/events/webinars/webinar-about-money-and-the-good-life/?src=BL
    Ist auf englisch, findet am 20.11.2012 um 11h statt und das Thema ist „Wie viel ist genug? Geld und das sorgenfreie Leben“ (frei übersetzt ;))
    Das spannende daran ist, dass die Frage mit einer Koryphäe auf dem Gebiet diskutiert wird: Lord Robert Skidelsky. Und es soll halt auch auf die Fragen eingegangen werden, wie die Frage nach dem Genug aus volkswirtschaftlicher Sicht zu sehen ist – gerade in Zeiten der Finanzkrise etc.
    Ich finde das ein unheimlich spannendes Thema und ein Thema, mit dem wir uns doch alle irgendwann mal beschäftigen…

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