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30/06/2010

Villa Neu-Meran in der Petrarcastraße in Meran mit den Schweizer­stil-Veranden, auf­genommen um die Jahrhundertwende.

Als wesentliches Element sind am typischen Schweizerstilhaus  vorspringende Dächer, Giebel und Gaupen angebracht, die reichhaltig mit Stichsägeornamenten verziert sind. Diese Ornamente bestanden meist aus phantasievollen floralen Motiven, vereinzellt auch gegenständliche Ornamente in Form von Tulpen, Seejungfrauen und Löwen. Ausgesägte Durchbrechnungen finden sich dann auch an den Latten und Füllbrettern der Balkonbrüstungen. Ornamental ausgesägte Füllungen, teilweise auch andersfarbig hinterlegt, sind ebenfalls zu finden.
Giebel und Traufleisten wurden mittels Schablonen fassoniert. Die Dachsparren sind geschwungen oder auch verziert; einfache Ausführungen erinnern an profane Holzklammerhälften.
Weitere Verziegung und Stilelement sind die Hängenden Säulen an Giebeln, Vordächern und Balkons mit gekerbten Zapfen und/oder gedrechselten Knöpfen. Diese Hängesäulen wurden auch über den First fortgeführt und endeten in einer Krönung. Waren keine Hängesäulen zur Verzierung vorhanden wurde die Krönung in Form von ebenfalls in Stichsägearbeit ausgeführten Giebelblumen aufgesetzt. Sehr verbreitet waren auch Dachspitzen aus Zink oder Ton.
An Balkons und Veranden finden sich Docken und Baluster, dies sind niedrige Pfosten und Säulchen, (stichsägearbeit)verzierte Knaggen und gekerbte Bügen stützen Balkons und die Wetterbretter über Fenstern oder Vordächern. Verzierte Stirnbretter wurden vor Balken gesetzt.

Villa Neu-Meran in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts nach der Entfernung der hölzernen Laub­sägearbeiten und Umbenannt in Villa Bernina.

Ein Phänomen dieser Zeit ist die »Entstu­ckung«. Darunter versteht man das vorsätzliche Ab­schlagen von Stuckornamenten an Fassaden. Die Entstuckung hat nicht unbedingt mit der lokalen Geschichte zu tun, sondern eher mit der allgemeinen europäischen modernen puristischen Architekturauf­fassung, die die Stuckfassaden als hässlich und »lügne­risch« brandmarkte. Es steht allerdings außer Zweifel, dass sich diese neue Mode auch mit der lokalen politi­schen Einstellung deckte. Feststellen kann man die Entstuckung in Meran hauptsächlich an den Ge­bäuden, die in italienischen Besitz übergingen.

Am Beispiel der Villa Neu-Meran, die nun »Villa Bernina« hieß, wurden die Loggien und der Gie­belschmuck entfernt, sodass nur mehr ein rasterartiger Balkonvorspann die Hauptfassade kennzeichnet. Aus heutiger Sicht haben diese Gebäude durch diese »Säu­berung« nichts gewonnen: „Selbst eine schlechte Nagelstuckfassade macht immer noch einen besseren Eindruck  als die gleiche Fassade, nachdem man den Stuck abgeschla­gen hat. Die Häuser waren eben mit Schmuckteilen ge­plant, und nicht als reine Lochfassade“. (aus „Ins Licht Gebaut“ von Anna Pixner Pertoll)

Die Ex Villa Neu-Meran bzw. Villa Bernina im heutigen Zustand.

»Die Architektur weckt Stimmungen. Es ist die Aufgabe des Architekten, diese Stimmungen zu präzisieren«, hatte Adolf Loos 1925 postulier. Wie schwierig es heute ist, mit zeitgenössischen Mitteln Atmosphäre zu schaffen, zeigen die vielen Architekten die inzwischen keine Hemmungen mehr haben, Blümchenmuster-Tapeten und Kristalluster zu neuem Leben zu verhelfen, weil sie sich nicht in der Lage sehen, dem Defizit auf andere Weise beizukommen.

Farbe, neben Licht das zweite bedeutsame Element bei der Gestaltung von Räumen, wird andererseits von den meisten als unseriös und Verfälschung der reinen Architektur brüsk abgelehnt. Sie schwärmen dann von den naturgegebenen Farben der Materialien und erfreuen sich an einem »schönen Grau« von Aluminium natur. Die als Seriosität getarnte Enthaltsamkeit ist nichts als Scheu vor Emotionalität.

Solange Architekten ihr Augenmerk ausschließlich auf die Beachtung von funktionalen und ökonomischen Randbedingungen richten oder blutleere architekturtheoretische Etüden oder, andererseits, möglichst spektakuläre architektonische Sensationen errichten, ohne sich wirklich um die Wünsche und Bedürfnisse der Nutzer nach Gemüts- und Gefühlswerten zu kümmern, wird die Akzeptanz der modernen Gegenwartsarchitektur in der breiten Bevölkerung nicht wachsen und werden jene, die alpinen Traditionalismus als nostalgische Wohlfühlkulisse anbieten, ein leichtes Spiel haben.

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