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>> Commendatore Moroder ist 70 _______

26/04/2010

Electro swingt in Sinuswellen zu Bongos, Synthie und Tschinellen.

Giorgio Moroder wurde 70 | ein Rückblick

„Er ist schon immer ein Pionier gewesen“, so Michael Holm: „1970 zum Beispiel, da haben wir den ersten deutschsprachigen Song aufgenommen, bei dem ein Synthesizer verwendet wurde: „Arizona Man“ von Mary Roos. Giorgio Moroder hatte irgendwo ein Stylophon aufgetrieben, ein Miniaturkeyboard, das in England erfunden worden war und mit einem Metallstab bedient wurde. Später haben David Bowie und Kraftwerk das benutzt. Das Stylophon sah lächerlich aus, es war so groß wie eine Zigarrenkiste und gab ziemlich dünne Töne von sich. Wir haben drei Tage geprobt und den Sound dann so lange durch Verstärker gejagt, bis dieses gigantische Synthie-Riff entstand, mit dem „Arizona Man“ beginnt. Die Platte wurde ein Hit.“

Schon 1969, nach harten Lehrjahren als Mietmusiker und Songschreiber für deutsche Schlagerstars wie Michael Holm und Mary Roos, entwirft Giorgio Moroder mit „Tears“ ein Stück Musik, das im Prinzip nicht mehr als ein Beatmuster war, das sich ewig wiederholte – und nahm damit die Idee des „Loop“ um gut ein Jahrzehnt vorweg. Der Loop wurde die Basis des Hip-Hop und „Tears“ – Mitte der neunziger Jahre, als es DJ Shadow in „Organ Donor“ eins zu eins sampelte, eine Hymne des Trip-Hop:

Anfang 1971 erwarb Moroder seinen ersten Moog-Synthesizer und landete mit Son of my father seinen ersten größeren eigenen Hit. Was Moroder zu dieser Zeit will, ist, experimentelle Elektronik-Avantgarde in massentauglichen Mainstream-Pop zu übersetzen. Der Angriff auf das große Pop-Business erfolgt aus einem Studio namens Musicland im Münchner Arabellapark, wo Moroder ein kleines internationales Team aus Musikern und Tonmeistern um sich schart, dem klar ist: Amerika will Amerikaner. Am besten farbig und somit glaubwürdig, keine teutonischen Bleichgesichter. Den potentiellen Star findet man im Musical „Hair“, das gerade in München gespielt wird:

Ab 1973 arbeitete Giorgio Moroder mit der Ex-Bostonerin und ehemaligen Musical-Sängerin Donna Summer zusammen. Summer, gebürtige LaDonna Andrea Gaines, hatte es nach der Europatour des Musicals Hair nach München verschlagen, wo sie zu dieser Zeit als alleinerziehende Mutter lebte. Mit dem Erfolg der ersten Summer-Hits im Rücken macht Moroder München zum Zentrum der internationalen Popmusik. „The Disco Sound of Munich“ wird zum begehrten Markenzeichen.

Moroder verstand als erster: Je einfacher der Beat, umso besser lässt sich dazu tanzen. Warum also nicht gleich alles weglassen, was stört? Das Grundprinzip der gesamten Dance Music der kommenden drei Jahrzehnte war erfunden. Sein für Donna Summer konzipiertes „Love To Love You Baby“ war der erste Popsong, dessen Beatgerüst aus einer in den Vordergrund gemischten geraden Bassdrum bestand. Die Rhythmsektion, die in der Popmusik bis dahin noch leise in den Hintergrund gemischt war – die Radios, Jukeboxen und Musikanlagen waren für Mitten und Höhen ausgelegt -, hatte nach den Sechzigern immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die sogenannte „Fatness“ begann wichtiger zu werden. Moroder erkannte es und setzte es mit den neuesten elektronischen Instrumenten, den ersten Sequenzern und Drum-Machines, in eine neue musikalische Sprache um.

Ich glaube, wir erfanden den Bass Drum- und Bass-Sound, der Teil der modernen Discomusik wurde.

>> I wanna rock you

Ein stetes Bassbeat-Ostinato dominiert „Love To Love You Baby“. Darüber entwickeln sich eine minimale Harmoniesequenz und einige sich ewig wiederholende Melodie-Elemente. An diesem Prinzip hat sich bis heute nicht viel geändert, weder im Techno oder House noch in Disco, Dubstep oder Trance. Ein Moroder-Song aus den späten Siebzigern passt perfekt hinter 75 Prozent aller elektronischen Tanztracks zwischen 1980 und 2010. Ähnliches lässt sich nur von Kraftwerk-Stücken sagen, die allerdings kommerziell nicht annähernd so erfolgreich waren.

„Kunst machen kann jeder. Aber Kunst zu machen, die sich auch verkauft – das ist eine Kunst“, soll Moroder einmal erklärt haben.

Moroders 1977 ebenfalls für Donna Summer produzierte Single „I Feel Love“, war der erste Mainstream-Pophit, der allein mit Synthesizern und Drummachines ( Roland TB-303) produziert wurde. Zwar hatten auch Kraftwerk mehr oder weniger zeitgleich rein elektronische Tanzmusik veröffentlicht, aber Moroders Prinzip der „Galloping Bassline“ aus „From Here To Eternity“, also das sequenzergesteuerte, linear dahinrollende Zusammenspiel von Bass und Beat wurde die Bluepause der gesamten „Four to the Floor„-Dance-Music. Sogar die Erfindung dieses – zum heutigen, allgemeinen Popmusikvokabular gehörenden – Begriffs wird ihm nachgesagt.

Die Liste seiner Verdienste ist lang: Er ist einer der ersten, der speziell zum Tanzen (also für DJ’s) konzipierte, lange Versionen von Pop-Songs komponierte, sogenannte „Extended Versions“. Vor Moroder waren Pop und Dancehits üblicherweise vier Minuten lang. „Love To Love You Baby“ dauerte ganze 17 Minuten. Und wenn man so will, erfand Giorgio – wie er sich auf vielen seiner Soloplatten nannte – sogar das DJ-Mixtape. Auf der LP „E = MC2“ ließ er die Songs nahtlos ineinander übergehen. Kein Tänzer musste mehr peinliche Sekunden auf das nächste Stück warten. Moroder ließ den Beat einfach immer weiterlaufen. Mit „The Chase“, seinem oscargekrönten Soundtrack zu Alan Parkers Film „Midnight Express“ aus dem Jahr 1978, erfindet er schließlich auch noch das Prinzip des instrumentalen Techno.

„The process starts with a reference track of rhythm machine. Without it we could never keep things tight for a 17-minute disco cut. Using that as a guide, we bring in the bass and drums to the rhythm section track, and then the arranger is called in to add things on top of that. However, most of the arranging is done in the mixing stage as a kind of post arrangement process. Very little is preconceived… the only thing that is really though out in advance is the bassline“, erklärt Giorgio Moroder.

„We take something from everything, than make it our own, although it is hard to analyse this exactly. There are obvious aspects we used from the Philadelphia sound.“

Electro swingt in Sinuswellen zu Bongos, Synthie und Tschinellen.

Wie auch immer. Sicher ist, dass der Neffe Luis Trenkers statt der Gipfel der Dolomiten die internationalen Charts und die für einen Kontinentaleuropäer eigentlich unerreichbaren Höhen des amerikanischen Showbiz erklomm. Vielleicht war es ja eine Art Ersatzhandlung. Giorgio Moroder leidet an Höhenangst.

>> King of Disco

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