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>> the Eye of the Wind _______________

21/02/2010

the Eye of the Wind | Leitwind

Egal ob große Hoffnung oder entsprechend herbe Enttäuschung, Olympia und damit Vancouver wird bei allen Beteiligten einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Nachdem  die Südtiroler zumindest medallientechnisch wohl doch etwas zu große Erwartungen hatten können sie sich trotzdem sicher sein umgekehrt den Vancouveranern etwas „nachhaltiges“ zu hinterlassen –  leider keine herausragenden Eindrücke wohl aber eine hervorragende Aussicht:

Auf dem „Grouse Mountain“, dem Hausberg der Olympiastadt Vancouver wurde diesem Spätherbst auf 1300m eine Windkraftanlage samt Aussichtsplattform aus dem Sterzinger Hause „Leitwind“ fertiggestellt. So sprach Premier, Gordon Campbell, bei der Inbetriebnahme auch von einem „Symbol der Nachhaltigkeit“, mit welchem British Columbia und Kanada in ein neues Zeitalter eintreten.

Die Windkraftanlage ermöglicht eine 1,5 Mega-Wattleistung (entspricht ca. 250 Haushalten), mit der das Skigebiet und die Aufstiegsanalagen von Grouse Mountain großteils energetisch versorgt werden können. Der 65 Meter hohe Turm mit seinen drei 37 Meter langen Rotorblättern, wurde mit einer kleinen Aussichtsplattform für 35 Personen ausgestattet. Mit einem Aufzug fährt der Besucher zur seilbahnähnlichen Kabine, welche auf einer Höhe von rund 60 Metern unterhalb der Turmspitze angebracht ist.

„Es war eine technische Herausforderung für die ganze Leitner-Technologies-Gruppe“, betonte Anton Seeber bei der Eröffnung. Allerdings: „Mit der Realisierung des Projektes ist für uns ein Traum in Erfüllung gegangen. Wir kombinieren hier erstmals saubere Energieproduktion mit einer touristischen Attraktion“, erklärte Seeber.

„Irgendwo hoch hinaufsteigen, von wo aus man hinunterschauen und die ganze Welt erblicken kann, scheint ein grundlegender Instinkt zu sein“. Christopher Alexander | Pattern 62

Es braucht dazu keinen besonderen Grund, wie 1923 George Mallory auf die Frage warum er auf den Mount Everest klettern will eindrücklich erklärte: „Because it’s there“. Was einem allerdings am Gipfel, oder an der Spitze eines hohen Turmes erwartet könnte man wohl am besten als „moment of excellence“ beschreiben.

Man befindet  sich nicht nur physisch mehr oder weniger abgehoben von der Erde, sondern erlebt auch eine damit verbundene psychisch-mentale Zustandsänderung. So öffnen sich konkret als auch sprichwörtlich neue Perspektiven, hoch oben erweitert sich der (Sicht-)Horizont, man sieht von oben das große Ganze und manches wird – mit etwas Distanz -plötzlich ganz klein und unbedeutend, man steht, ganz konkret und wiederum auch sprichwörtlich , über den Dingen.

Blick vom Grouse Mountain über Vancouver

Der „moment of excellence“ (MoE) bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Bedeutung: Fühlt man sich gut wenn man über den Dingen steht oder steht man über den Dingen wenn man sich gut fühlt? Ist der Umkehrschluss möglich? NLP ( Neurolinguistische Programmierung) beschäftigt sich mit Verhalten, Motivation und Konditionierung und wird nicht zufällig vor allem von Sportlern, Managern und – nicht zuletzt – von Werbefachleuten gezielt angewandt. Die Neu-Prägung (oder gezielte Manipulation) greift nach NLP vor allem dann effektiv, sobald sich das vermeintliche Opfer in einem emotionalem Hoch einem „moment of excellence“(MoE) befindet. Man ist in diesem Zustand überdurchschnittlich Empfänglich für Erkenntnisse, Verführungen, Konsum. Sinnlose Souvenirkäufe im Urlaub, auf Musik- und Sportveranstaltungen können an dieser Stelle als eindeutiger Beweis für unser zumindest temporär fremdgesteuertes Verhalten dienen.

Fernsehtürme — 8.559 Meter Politik und Architektur

Verwendet  NLP  den Begriff des „moment of excellence“ vor allem zur Beschreibung von psychischen Leistungs-Spitzen oder Stimmungs-Hochs  scheint die Umkehrung ins physische zumindest denkbar. Sind wir – abgehoben von der Erde – aufnahmebereiter, manipulierbarer, begeisterungsfähiger, gar gefühlslastiger? In Kinofilmen spielen tatsächlich einige der romantisten Szenen – meist Schlüsselszenen – an genau solchen Orten wie dem Eiffelturm oder auf dem Empire Staste Building.  Ein Schelm der nun denkt die Katholische Kirche positioniert ihr Logo, das Kreuz, aus werbetechnischen Gründen Land auf und ab auf jede nennenswerte geografische Erhebung und jeder einzelnen Bergspitze. Es kann aber sicherlich angenommen werden, daß die Kombination Aussichtsplattform + Windgenerator das Verhältnis des Einzelnen zu erneuerbaren Energiequellen positiv aufladet. Man kann also gespannt sein was der Blick aus dem ViewPOD am Grouse Mountain beim Betrachter sonst noch auslöst.

Cupola | ISS | STS 130 Cupola | seit 8. März 2010 an der ISS am Node 3

Was kann also passieren wenn sich der Betrachter eben nicht emotional sondern physisch auf eine außergewöhlich hohe Ebene bringt? Im Extremfall – die Geburt des Umweltgedankens:

Weihnachten 1968 war die Erde zum ersten Mal als Kugel zu sehen. Als die Besatzung von Apollo 8 den Mond umrundete. Nie zuvor hatte sich ein Mensch so weit vom Blauen Planeten entfernt. Hautnah konnten die Zuschauer am Boden miterleben, was Astronauten wie Jim Lovell im Mondorbit sahen und fühlten:

„The vast loneliness up here on the Moon is awe inspiring, and it makes you realize just what you have back there on Earth. The Earth from here is a grand oasis in the big vastness of space.“

„Man sieht keine Grenzen von oben. Am Anfang sagt man vielleicht noch: das ist mein Land, später denkt man: das ist mein Kontinent. Irgendwann hört man damit auf und man denkt nur noch: das ist mein Zuhause.“

Dieses Bild wird ‚Blue Marble‘ genannt – die ‚Blaue Murmel‘. 1972 aufgenommen während der Apollo 17-Mission. Die letzte bemannte Landung auf dem Mond. Schon bald zierte die ‚Blaue Murmel‘ Poster, T-Shirts und Dokumente der UNO-Umweltorganisation.

>> Cupola | Die Aussichtskuppel seit mitte März 2010 an der ISS an Tranquility, dem Node 3 der ISS angedockt.

Doch zurück auf die Erde. Selbst kleinste Orte haben ein hohes, beherrschendes Wahrzeichen – bei uns gewöhnlich den Kirchturm. Große Städte haben Hunderte davon. Der Antrieb solche Türme zu bauen, ist sicher nicht bloß ein christlicher, in den verschiedensten Kulturen und Religionen der ganzen Welt ist es genauso. Persische Dörfer haben Taubentürme, die Türkei ihre Minarette, San Giminiano hat seine turmförmigen Häuser, Paris den Eifelturm, Wien das Riesenrad, Rio den Zuckerhut.

Diese hochliegenden Orte haben zwei verschiedene, aber einander bedingende Funktionen. Sie sind ein Ort zum hochsteigen, von dem aus man auf die Welt hinunterschauen kann (Paris vom Eiffelturm aus) und sie dienen als Orientierungspunkte in der Landschaft (Paris vom Tour Montparnass in Richtung Eiffelturm).  Die Silhouette großer Städte wird schon lange nicht mehr von Kirchtürmen bestimmt, längst wird die Skyline von  Hochhäusern gezeichnet. Ihre Dominanz enthält unweigerlich eine starke Symbolkraft oft mit Wahrzeichencharakter – was jedoch nicht erzwungen werden kann.

>> Tyrol Tower | SOM

Interessanterweise erhöht die Einplanung eines öffentlichen Zugungs zu einer Aussichtsplattform die Akzeptanz der im allgemein als Bedrohung und kapitalistische Anmaßung empfundenen Konstruktionen.  Bei vielen Hochhausbauten wurde die Erhabenheit eines möglichen Aufstieges erkannt und entsprechend inszeniert: Dem Aufsuchen eines hochliegenden Ortes wird die Ursprünglichkeit fehlen, wenn man mit einem Aufzug direkt hinaufgelangt. Um die Großartigkeit der Aussicht zu erfahren, muß man etwas dafür tun. Erst der Vorgang des Hinaufsteigens, auch wenn es nur einige Stufen sind, befreit den Geist und bereitet den Körper vor.

Die Aussichtsplattform fürs Volk.

Ob in Moskau, Belgrad, Berlin oder Kairo – kaum eine Stadt oder eine Nation, die sich als fortschrittlich darstellen wollte, konnte auf den demonstrativen Bau eines Fernsehturms verzichten.„Die Fernsehtürme, die seit 1950 die Städte überragen, sind fast immer Symbole für gesellschaftlichen Wandel bzw. politische oder wirtschaftliche Macht“, so die Kuratoren der aktuellen Ausstellung „Fernsehtürme“ im DAM Frankfurt. „Kein anderer Gebäudetyp war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts politisch so aufgeladen wie der Typus der Fernsehtürme.“

>> Lexy and K Paul – Der Fernsehturm [Video]

Die weltweite Verbreitung der Türme, die 1956 mit der Einweihung des Stuttgarter Fernsehturms ihren Anfang nahm, zeichnet die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts nach: Auf die Systemkonkurrenz zwischen Ost und West folgte das Ringen der Global Cities um touristische und ökonomische Anziehungskraft. Die ersten Fernsehtürme entstanden vor allem in Europa, Neubauten entstehen derzeitig fast ausschließlich in den aufstrebenden Staaten Asiens und im Nahen Osten. Bleibt die Hoffnung auf gute Aussichten und einem erweiteren Horizont.

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