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>> Absorbiert das Design die Kunst? _____

26/11/2009
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Josh Coot | Fashion Show 2008

Das Spannungsfeld zwischen bildender Kunst, Architektur und Design war bereits öfters Thema auf der WerkBank – so auch die Frage „Absorbiert das Design die Kunst? oder umgekehrt?“ Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunst war es eigentlich nur eine Frage der Zeit bis das Re-Produzierte Inspirationsquelle, ja Inhalt der Kunst wurde – und in weiterer Folge sich soger Umkehre. Die Gestaltung an sich steht im direkten Zusammenhang mit dem kollektiven ästhetischen Empfinden der Zeit. Waren es die Künstler die als Seismographen der Gesellschaft ihrer Zeit voraus waren, so sind heute Subkulturen die Sensoren und auch Motoren des Zeitgeistes. Künstler sind nach wie vor Teil jedoch nicht mehr Chefideologen der diversen Subkulturen. Gleich neben Grafikdesignern, Deejays, Friseuren und Immobilienmaklern, agieren Künstler immer weniger als Visionäre, sondern vielmehr als Interpreten eines gemeinsam erarbeiteten und erlebten Zeitgeistes.

adidas | Micropacer

Die Gewinner der Goldenen Löwen bei der 53. Biennale in Venedig haben eines gemeinsam: ein Faible für Neonfarben. Mit dem Deutschen Tobias Rehberger und der von ihm gestalteten Cafeteria würdigte die Jury eine komplette Rauminstallation.

Tobias Rehberger | Cafeteria | La Biennale di Venezia

Rehberger, als bester Künstler mit dem Goldenen Löwen geehrt, hat eine Cafeteria in den Giardini zur erlebbaren Kunst erhoben: Seine Würfelhocker, langen Sitzbänke und ebensolche Tische in dem von oben lichtdurchfluteten Raum muten mit ihren neon-gelben, -roten und – grünen, sowie schwarz-weißen Streifen psychedelisch an. Durch die Verwandlung des bestehenden Raumes, der Cafeteria, in ein Kunstwerk, werde soziale Kommunikation zu ästhetischer Praxis, hieß es in der Begründung der Jury. Soweit die akademische Würdigung.

Doch fasziniert das Werk des 43-Jährigen vor allem als klassisches Trompe-l´œil, in dem der Betrachter sich verliert, tief darin einsinkt. Das Auge kann die verschiedenen Möbel kaum von Wänden, Fußböden und Lüftungsrohren unterscheiden. Der Betrachter wird Teil des Raumes, der Kunst. Und genau das ist ein Motiv, das sich in vielen Beiträgen der Biennale wiederfindet – allen voran bei „The Collectors“, dem Gemeinschaftswerk der skandinavischen Länder samt Dänemark. Die Jury würdigte den Beitrag des von dem Künstlerduo Elmgreen & Dragset kuratierten Gesamtwerks denn auch als herausragendes Beispiel.

Die beiden Pavillons sind zu vermeintlich verkäuflichen Immobilien geworden, in denen das Leben ihrer Besitzer noch zu sehen und zu erleben ist. So steht vor dem dänischen Pavillon ein riesiges Maklerschild „For sale“, der Bau gleicht einem typischen Bungalow aus den 1970er-Jahren. Innen präsentiert sich ein modern eingerichtetes, verlassenes Haus, die Wohnzimmermöbel sind mit weißen Laken bedeckt, die riesige Tafel ist noch für ein Essen gedeckt, an der Flügeltür wartet eine Hausangestellte (aus Gold) im schwarzen Kleid mit weißem Häubchen und Schürze.

Der benachbarte Nordische Pavillon (Schweden, Finnland, Norwegen) präsentiert sich noch moderner – und vor allem lebendiger: Auf dem Schreibtisch liegt eine ausgedrückte Zigarette, in der Küche steht eine benutzte Espressokanne und auf den Möbeln lümmeln gut gebaute ganz reale Jünglinge, die gelangweilt in ihre Handys tippen oder an Drinks nippen – allesamt Liebhaber des ehemaligen Hausbesitzers – der liegt tot im Pool vor dem Pavillon. Dieser Beitrag ist ein Gesamtkunstwerk – bestehend aus verschiedenen Beiträgen – bei dem der Besucher eine zentrale Rolle einnimmt, denn er darf die Einrichtung ausprobieren.

Das spielen mit den Kategorien Architektur, Design und bildender Kunst aktiviert im einzelnen Betrachter einmal mehr ein ständiges Wechselspiel zwischen dem Konkret-Bekannten und dem Abstrakt-Befremdlichen.

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